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Hermann Waibel. Bildlicht

28. April bis 30. September 2018


»Ich mache jede Arbeit nur in Bezug darauf, wie ich das Licht in einer weiteren Form zeigen kann, in seiner Immaterialität, in seiner Sensibilität, in dem, was Licht in unserer Wirklichkeit unentwegt verändert.«
                                                                                                    Hermann Waibel, 2000


Ausstellungsansicht »Hermann Waibel. Bildlicht«
Kunstmuseum Ravensburg, 2018, Foto: Wynrich Zlomke
Ausstellungsansicht »Hermann Waibel. Bildlicht«
Kunstmuseum Ravensburg, 2018, Foto: Wynrich Zlomke

Wie sein Vater erlernte Hermann Waibel das Handwerk des Restaurators und Kirchenmalers, bevor er sich schließlich ganz der Bildenden Kunst verschrieb. Bereits als Porträtist und in seiner Figurativen Malerei zeichnet sich das Licht als wesentliches Stilmittel ab – gemäß den alten Meistern, wie Rembrandt, die Waibel intensiv studierte. Nach dem Tod seines Vaters 1958 verdichtete Waibel seine Arbeiten über Jahre hinweg zu konkreten Strukturen und geome-trischen Formen. Waibel befreit das Licht fortan von der rein dienenden Funktion als gestalterisches Mittel und erhebt es zum Inhalt seiner künstlerischen Auseinandersetzung. Über Siebdrucke, Papier- und Holzarbeiten sowie Arbeiten aus Putz entwickelte er schließlich lichtkinetische Objekte aus Glasfaser und Kunststoff, deren Materialität unterschiedlichste Lichtstrukturen sichtbar werden lässt. Monochromes Weiß und Schwarz dominieren zwei Jahrzehnte lang seine Arbeiten und erzeugen besonders intensive Licht- und Schattenwürfe. Die grafisch klaren Strukturen der Bildreliefs und Objekte werden sowohl durch das Licht wie auch den sich verändernden Betrachterstandpunkt belebt.

Seine Objekte mit durchsichtigen Acrylglaselementen auf weißem Polyestergrund nennt er fortan »Lichtinstrumente«. Vergleichbar mit dem Bespielen einer Violine lassen sich auch Waibels Instrumenten durch Standort- und Lichtwechsel verschiedenste Klänge, Rhythmen und Kompositionen entlocken. »Transparente Acrylscheiben dienen als Helligkeitsfilter, die vielerlei Übergänge von Licht zu Schatten sichtbar machen, bald als grafisch klare Kontur bald als Abfolge nuancierte Grauwerte.« (Waibel, 1983) Mit den Lichtinstrumenten erweitert Waibel sein Repertoire des Reliefs, das für ihn ohne den Einsatz von Mechanik »die reichste Skala an Veränderbarkeit erschließt.« (Waibel, 1983)

Hermann Waibel, Lichtenergie - Brandmal – Strukturstörung, 1980/81
Hermann Waibel, Lichtenergie - Brandmal – Strukturstörung, 1980/81


In der Werkgruppe »Strukturstörungen« bearbeitet Hermann Waibel das Material, bis die Papiere und Pappen eine neue Oberflächenbeschaffenheit erlangen. Mittels Perforation oder durch Brand erzeugt Waibel Störungen, die das charakteristische, streng geometrische Ordnungsgefüge durchbrechen. Indem er seine Arbeiten mit Feuer und Wasser modelliert, wird der Verbrennungsprozess weitmöglichst gesteuert, bis die Objekte zu Brandmalen werden. So zeigt Waibel mit teils sensiblen, teils brachialen Eingriffen die Kehrseite des Lichts: seine zerstörerische Kraft.


Hermann Waibel 
Raumlichtfarbe, 2002
Hermann Waibel
Raumlichtfarbe, 2002

Farbe und Licht sind so unmittelbar mit der Wahrnehmung verknüpft, dass Waibel seit Ende der 1970er verstärkt farbig arbeitet. In seiner Werkgruppe »Raumlichtfarben« wird das an der Bildrückwand reflektierte Licht durch transparente Farbschichtungen geleitet. In Form gestaffelter Quadrate wurden die übereinandergelegten Farbschichten mit dem Pinsel auf die Glasscheibe aufgetragen. Die unterschiedlich stark ausgeprägte Transparenz und Opazität lässt ein variantenreiches Farbspektrum von Blau und Rot entstehen, während die gestaffelten Formationen tiefenräumliche Dimensionen erzeugen und den Eindruck von schwebenden, leuchtenden Kuben erwecken. Diese neuen atmosphärischen Lichträume sensibilisieren den Betrachter erneut für das eigene Sehen.


Ausstellungsansicht »Hermann Waibel. Bildlicht«
Kunstmuseum Ravensburg, 2018, Foto: Wynrich Zlomke
Ausstellungsansicht »Hermann Waibel. Bildlicht«
Kunstmuseum Ravensburg, 2018, Foto: Wynrich Zlomke

Unter dem Titel »Strichcodes« entstehen seit 2000 großformatige Arbeiten, die aus seriellen, mobilen Elementen in unterschiedlicher Farbigkeit zusammengesetzt sind und durch das Strichcode-Scanverfahren aus unserer Alltagskultur inspiriert wurden. Die modularen Farblicht-schienen ermöglichen anhand Reliefstruktur und Oberflächen-behandlung ein variantenreiches Zusammenspiel unterschiedlicher Farbkombinationen und -wirkungen. Wie bei allen Werkserien von Hermann Waibel entsteht durch wechselnden Lichteinfall und Standortwechsel des Betrachters eine visuelle Wandlungsfähigkeit des Bildobjekts. Als sensitive Zeichen stehen die Codes von Hermann Waibel nicht für verschlüsselte Informationen, sondern für die leibliche Erfahrbarkeit von Farbräumen.

 



Projektionen II

Jonas Mekas: As I Was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty (2000)

16mm-Film auf DVD, 288 Min.

Ausstellungsdauer: 9. Juni bis 8. Juli 2018
Vernissage: 8. Juni 2018, 19 Uhr 


Jonas Mekas, »As I Was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty«, 2000 (Still), 16mm-Film auf DVD, 288 Min.
Jonas Mekas, »As I Was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty«, 2000 (Still), 16mm-Film auf DVD, 288 Min.

Nächtliche Farbreflexe, Feuertreppen im Gegenlicht, ein Mädchen spielt Geige, eine Katze schnappt eine Maus. »I have never been able really to figure out where my life begins and where it ends. ... What it’s all about, what it all means«, räsoniert Jonas Mekas aus dem Off. Der Auftakt seines Filmessays »As I Was Moving Ahead...« erklärt bereits den Zufall zum Strukturprinzip. Aufnahmen von 1970 bis 1999 aus seinem privaten Alltag fügt der damals bald achtzigjährige Filmemacher spontan zusammen, gerade so, wie er das Material in seinem Archiv vorfindet. Im kontinuierlichen Bilderstrom offenbart sich die Schönheit des einzelnen Moments. Fragmente bewahren eine Ahnung von Glück. Da sind Trinkgelage mit Freunden, die Taufe eines Kindes, Szenen am Abendbrottisch, die eigene Hochzeit. In den persönlichen Erinnerungen scheint das Universelle auf. Die Unmittelbarkeit der Szenen verdankt sich einer kleinen Handkamera, deren Einsatz Jonas Mekas über Jahre perfektioniert hat. Unschärfen, Über- und Unterbelichtungen gehören zu seinem »gestischen Stil«. Auf der Tonebene arrangiert er Off-Kommentare, Klaviermusik und Geräusche. Wind in den Bäumen im Central Park, der Straßensound von Manhattan, entfernter Lärm der Millenniumsfeiern Silvester 1999, während er allein im Schneideraum sitzt. Der Film ist auch eine Ode an New York, die Wahlheimat von Mekas. Doch die Wehmut, die den Betrachter befällt, braucht keinen konkreten Ort. Sie speist sich allein aus dem Bewusstsein für die Flüchtigkeit des Augenblicks: »This was Paradise.«

Seit den 1960er Jahren gehört Jonas Mekas zu den Schlüsselfiguren der amerikanischen Filmavantgarde. Geboren 1922 in Litauen und während des Krieges in ein deutsches Arbeitslager verschleppt, verließ er Deutschland 1949 und ging nach New York. Er ist Experimentalfilmer, Dichter und Kritiker. Freundschaften mit Robert Frank, Allen Ginsberg, John Lennon, George Maciunas oder Andy Warhol, mit denen er teils zusammenarbeitete, hatten Einfluss auf sein Werk. 1970 gründete er das Anthology Film Archive, die weltweit größte Institution für den experimentellen Film. Doch im Zentrum seiner Arbeit stehen seine radikal subjektiven Filmtagebücher, in denen er die flüchtigen Momente der >Wirklichkeit< zu intensivieren sucht. Einen »Propagandafilmer des Glücks« hat er sich selbst genannt. »As I Was Moving Ahead...« ist Jonas Mekas’ Opus magnum: sein Vermächtnis schon zu Lebzeiten.


 
 
 
 

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